Im November letzten Jahres, als von der Corona-Pandemie noch keine Rede war, habe ich einige Tage in Venedig verbracht. Auf dem Tagesplan stand die Kunst-Bienale und die Abende verbrachte man dann in guter Gesellschaft, alle beisammen. Das Midi-Keyboard hatte ich trotzdem dabei. In einer schlaflosen Nacht sollte sich das dann bezahlt machen.
Beim abendlichen Spazierengehen, durch die kleinen Gassen entlang der Lagune, lauschte ich einer Piano-Komposition von Peter Sandberg. Es war schon spät, als ich beschloss mich noch an den Laptop zu setzten und diese Jazz Nummer in Stücke zu schneiden. Ich spielte etwas herum, setzte die einzelnen Elemente in verschiedene Reihenfolgen und experimentierte mit dem Pitch und der Geschwindigkeit. Ich beschränkte mich schließlich auf ein kurzes Stück, das ich sehr langsam machte und damit in die Länge zog.
Im Verlauf meiner Arbeit entwickelte sich ein Tune, der sich anhand der Stilmittel (die schnellen Hi-Hats und der wummernde 808-Bass) wohl eher in die modernen Musikrichtungen Trap/TripHop, als in 90’s Boom Bap einordnen lässt.
Das Midi-Keyboard verfügt über einen sogenannten Pitch-Bend. Ein Rad an dem man drehen kann, wodurch die Tonlage der Spur verändert wird. Das klingt dann so ähnlich wie wenn man einen laufenden Plattenspieler langsam abstoppt. Nur eben ohne, dass die Aufnahme in ihrer Geschwindigkeit verändert wird.
Dieses Element machte ich mir hier zu nutze und veränderte an manchen Stellen des Samples mit dem Rad die Tonlage. Für einen Moment klingt das Sample dadurch etwas atonal. Ein bisschen schaurig, schief. Auch ein Element, das sich in modernen Produktionen von Trap-Produzenten immer wieder auffinden lässt.
Die Hi-Hats hatte ich einige Wochen zuvor mit einem Mikrofon aufgenommen. Ich besuchte einen Freund von mir, der ein Schlagzeug besitzt. In einer etwa drei stündigen Session, nahmen wir alle möglichen Samples ab. Unter anderem auch einige experimentelle Versuche, wie das Geräusch einer zerdrückten Plastikflasche, die sich knackend wieder in ihre Ursprungsform bewegt. Das war sehr aufwändig, ermöglicht mir aber heute eine Auswahl aus hunderten verschiedenen Aufnahmen.
Bei der Produktion war dennoch der Pitch-Effekt ist sozusagen das Kernelement des Sounds. Der Rhythmus mit den schnellen Hi-Hats soll antreiben, aber nicht als Kernelement in den Vordergrund rücken. Die Bassline, die Synths (kaum hörbar), sowie das Vibraphon gegen Ende sind per Midi eingespielt. Die originale Aufnahme des Piano-Samples ist leider von vergleichsweise schlechter Tonqualität. Deshalb mussten die per Midi hinzugefügten Elemente dem Gesamtsound angepasst werden. Aus dem Grund habe ich zusätzlich einige Hintergrundgeräusche eingefügt, um den Sound abzurunden.
Daraus resultiert ein Sound, der ein wenig an Lo-fi Tracks aus den „Study und Chill“-Playlists auf Youtube erinnert. Zwar sehr simpel gehalten, aber für das Ohr nicht zwangsläufig unattraktiv.
In erster Linie geht es mir bei meinen Produktionen um das Abbilden eines „Moods“. Ein Gefühl in etwas Hörbares umzuwandeln, nicht unbedingt um die Komposition von musikalisch anspruchsvollen Stücken. Dabei versuche ich stets relativ schnell und „geradeaus“ zu arbeiten, um zunächst eine grobe Idee festhalten zu können.
